RATGEBER › DIGITAL OMNIBUS & KI-SCHULUNGSPFLICHT

Digital Omnibus und die KI-Schulungspflicht – was sich ändert und was bleibt

Viele Unternehmen fragen: Gilt Art. 4 EU AI Act noch? Schafft der Digital Omnibus die KI-Schulungspflicht ab? Die direkte Antwort – mit allen Details.

DIREKTE ANTWORT

Nein, Art. 4 EU AI Act wurde nicht abgeschafft.

Der Digital Omnibus moechte die Pflicht abschwachen, nicht streichen – ist aber Stand Juni 2026 noch kein geltendes Recht. Bis zur Amtsblatt-Veroeffentlichung gilt Art. 4 unveraendert seit 02.02.2025 (in Kraft).

Vorlaeufige politische Einigung: 07.05.2026. Amtsblatt-Veroeffentlichung: ausstehend. Nachweis jetzt aufzubauen ist richtig – der Governance-Bedarf bleibt unabhaengig vom genauen Wortlaut.

Was sagt der Digital Omnibus genau?

Der „Digital Omnibus on AI“ (COM(2025)836, veroeffentlicht 19.11.2025) ist das erste Aenderungspaket zum EU AI Act. Ziel: gezielte Vereinfachungen ohne den risikobasierten Grundansatz anzutasten.

Chronologie:

Datum Ereignis
02.02.2025 (aktiv) Art. 4 KI-Kompetenz in Kraft
19.11.2025 EU-Kommission: Omnibus-Vorschlag COM(2025)836
20./21.01.2026 (aktiv) EDSA & EDSB: Joint Opinion 1/2026 – lehnen reine „Ermutigung“ ab
07.05.2026 (Entwurf) Vorlaeufige politische Einigung Parlament + Rat
Offen (ausstehend) Formelle Annahme + Amtsblatt-Veroeffentlichung (vor 02.08.2026 erwartet)

Was bleibt unveraendert?

  • Art. 4 gilt fort

    Bis zur Amtsblatt-Veroeffentlichung gilt der urspruengliche, strengere Art. 4 unveraendert.

  • Hochrisiko-Kompetenzpflicht bleibt

    Recital 5 des Einigungstexts: Anbieter und Betreiber von Hochrisiko-KI bleiben ausdruecklich kompetenzpflichtig.

  • Bussgeld-Geruest unveraendert

    Art. 99 KI-VO: Verbotsverstoesse bis 35 Mio. EUR / 7 %; Hochrisiko bis 15 Mio. EUR / 3 %. Kein eigenes Art.-4-Bussgeld, aber Beweislast-Risiko bleibt.

  • DSGVO, Haftung, Antidiskriminierung

    Der regulatorische Unterbau bleibt schaerfer als Art. 4. Diese Gesetze bewegen sich nicht mit AI-Act-Fristen.

Was aendert sich? (wenn der Omnibus in Kraft tritt)

Sobald der Digital Omnibus rechtsverbindlich wird (Datum ausstehend), gilt:

  • !

    Art. 4 wird abgeschwacht: aus „hinreichendes Mass sicherstellen“ wird „Massnahmen zur Unterstuetzung/Foerderung der KI-Kompetenz“ – weichere Formulierung, kein festes Kompetenzniveau mehr

  • !

    Hochrisiko-KI Anhang III: Pflichten verschoben auf bis spaetestens 02.12.2027 (statt 02.08.2026)

  • !

    Transparenz/Kennzeichnung KI-Inhalte (Art. 50): generell ab 02.08.2026; Watermarking für Bestandssysteme mit Übergang bis 02.12.2026

  • !

    KMU-Erleichterungen: vereinfachte technische Dokumentation, reduzierte Bussgeld-Obergrenzen

Alle genannten Aenderungen sind noch nicht geltendes Recht. Quelle: Kanzlei-Auswertungen auf Basis des vorlaeufig geeinigten Texts (Council Doc 9247/26, 13.05.2026).

Was das fuer Ihren Nachweis-Aufbau bedeutet

Fuehrende Rechtskanzleien (Bird & Bird, Gibson Dunn, Covington) empfehlen uebereinstimmend: Schulungen nicht aufschieben.

Der Wert liegt nicht im „Strafe-Vermeiden“, sondern im belastbaren Nachweis: Wer KI einsetzt und im Streit-, Haftungs- oder Aufsichtsfall keine dokumentierte Kompetenz vorweisen kann, steht schlechter da.

Recital 5 des Einigungstexts sagt selbst: KI-Kompetenz solle „eine strategische Prioritaet sein – unabhaengig von regulatorischen Pflichten und moeglichen Sanktionen“.

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ART. 50 — KENNZEICHNUNG

KI-Kennzeichnungspflicht: 5 konkrete Beispiele nach Art. 50 EU AI Act

Art. 50 EU AI Act verpflichtet Anbieter und Betreiber, KI-generierte Inhalte als solche zu kennzeichnen. Die Pflicht ist unverändert durch den Digital Omnibus — die Transparenzvorschriften wurden nicht angetastet. Genereller Stichtag: 02.08.2026 (Art. 113). Für Bestandssysteme, die vor dem 02.08.2026 im Markt waren, gilt eine Übergangsregelung bis 02.12.2026 nur für das Watermarking (Art. 50 Abs. 2).

DACH-Anwendungsbereich: Deutschland und Österreich unmittelbar (EU-Verordnung), Schweiz extraterritorial bei Bezug zum EU-Markt.

Die 5 Kennzeichnungs-Beispiele (Art. 50 Abs. 1–4)

  • KI-Text — Artikel, Blogeinträge, Produktbeschreibungen, die wesentlich von KI erstellt wurden: deutlich als KI-generiert markieren.
  • Deepfake / KI-Bild — fotorealistische Bilder, manipulierte Fotos, generierte Illustrationen: sichtbarer Hinweis „KI-generiert“.
  • Chatbot — Conversational AI, Kundenservice-Bot, virtueller Assistent: Offenlegung, dass der Nutzer mit einem KI-System spricht, nicht mit einem Menschen.
  • KI-Audio — generierte Sprache, Stimmen-Cloning, synthetische Voice-Overs: Kennzeichnung als künstliche Stimme.
  • KI-Video — generierte Videoclips, Manipulationen, synthetische Szenen: Wasserzeichen oder sichtbare Kennzeichnung.

Praxistipp: Die Kennzeichnung muss deutlich, sichtbar und maschinenlesbar sein. Watermarking reicht nur, wenn es von gängigen Detektoren erkannt wird. Dokumentieren Sie jede Kennzeichnung — der Nachweis zählt. Mehr zur Governance: KI-Governance beim DSB.

Stichtage korrekt zuweisen

02.08.2026 = generelle Kennzeichnungspflicht (Art. 50 Abs. 1–4). 02.12.2026 = Watermarking für Bestandssysteme (Art. 50 Abs. 2). Nicht vertauschen — das ist der häufigste Fehler in Ratgebern.

Nachweis statt Angst.

AGG — BEWERBER-VORAUSWAHL

KI-gestützte Bewerber-Vorauswahl: AGG-Bewehrung und EU AI Act Hochrisiko

Wer KI für die Vorauswahl oder Bewertung von Bewerbern einsetzt, bewegt sich auf zwei Rechts-Ebenen: EU AI Act Anhang III Nr. 4 („Employment, worker management and access to self-employment“) klassifiziert solche Systeme als Hochrisiko. Zusätzlich greift das deutsche Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) — insbesondere § 22 und § 15.

AGG im KI-Kontext

  • § 22 AGG — Beweislastumkehr: Bei Indizien für Benachteiligung muss der Arbeitgeber beweisen, dass kein Verstoß vorliegt. Eine KI, die korrelierte Merkmale als Proxy nutzt, kann ein Indiz schaffen.
  • § 15 AGG — Schadensersatz und Entschädigung: max. 3 Monatsgehälter bei Nichteinstellung.
  • § 15 Abs. 4 AGG — Ausschlussfrist: Anspruch muss schriftlich innerhalb von 2 Monaten nach Zugang der Ablehnung geltend gemacht werden.
  • EU AI Act Anhang III Nr. 4 — Hochrisiko: Risikomanagement, Daten-Governance, technische Dokumentation, menschliche Aufsicht, Konformitätsbewertung.

Rechtsprechung: Es gibt keinen EuGH-Leitfall zur KI-gestützten Bewerber-Auswahl. Übertragbar sind Feryn (EuGH C-54/07) zur Diskriminierung durch Weigerung der Einstellung und Meister (EuGH C-415/10) zur Beweislast bei Verdachtsfällen — beide stammen aus der Vor-KI-Ära, sind aber auf algorithmische Auswahl übertragbar. Wer hier einen festen EuGH-Leitfall mit Aktenzeichen zitiert, fabuliert. Mehr zur Pflicht im Überblick: Art. 4 KI-Schulungspflicht.

Dokumentations-Pflicht für HR-KI

Egal ob Hochrisiko-Anbieter oder Betreiber: die menschliche Überprüfung der KI-Vorauswahl muss dokumentiert werden. Wer die Dokumentation nicht hat, verliert jeden § 22 AGG-Beweis — nicht weil Strafen drohen, sondern weil der Nachweis zählt.

Nachweis statt Angst.

URHRECHT — KI-INHALTE

Urheberrecht und KI-Inhalte: § 2 UrhG und die Schöpfungshöhe

Kämpfen Sie mit der Frage, ob KI-generierte Werbeflyer, Blogartikel oder Bilder urheberrechtlich geschützt sind? Die Antwort nach deutschem § 2 UrhG: KI allein erzeugt kein urheberrechtlich geschütztes Werk. Die Schöpfungshöhe setzt eine menschliche Gestaltung voraus, die ein KI-System nicht selbständig erreicht.

Urheberrecht bei Mensch + KI

  • KI allein — kein Urheberrechtsschutz (fehlende Schöpfungshöhe, kein menschlicher Schöpfungsakt).
  • Mensch + KI — nur der menschliche Anteil ist geschützt: Prompt-Engineering, Redaktion, Auswahl, Arrangement.
  • Marketing-Beispiel — ein KI-generierter Werbeflyer: der rohe KI-Output ist frei, aber die redaktionelle Überarbeitung, das Layout, die Bildauswahl können als menschliche Leistung geschützt sein.
  • Nachweis — dokumentieren Sie Prompt, Zwischenschritte und redaktionelle Eingriffe. Nur so lässt sich der menschliche Anteil beweisen.

Hinweis: Das Urheberrecht der Trainingsdaten ist ein eigenes Thema, das Anbieter von KI-Modellen betrifft, und bleibt hier ausdrücklich ausgeklammert. Für den Anwender zählt die Frage: Was ist mein geschützter Anteil am Ergebnis? Schulungs-Übersicht: KI-Schulung EU AI Act.

Urheberrecht-Check für KI-Output

Drei Fragen: 1) Gab es einen menschlichen Schöpfungsakt? 2) Welcher Anteil ist menschlich? 3) Ist der Anteil dokumentiert? Drei Mal „Ja“ = geschützt. Ein Mal „Nein“ = Nachweis lückenhaft.

Nachweis statt Angst.

ART. 2 ABS. 10 — PRIVATNUTZUNG

Privatnutzung von KI: die eng gefasste Ausnahme nach Art. 2 Abs. 10 EU AI Act

Art. 2 Abs. 10 EU AI Act schafft eine eng gefasste Ausnahme für KI-Systeme, die unter der ausschließlichen Kontrolle einer natürlichen Person ausschließlich im privaten Haushalt und nicht-professionell verwendet werden. Für solche Systeme gelten viele Pflichten des AI Act nicht — die Ausnahme ist jedoch kein Freifahrtschein für Unternehmen.

Was die Ausnahme NICHT deckt

  • Unternehmen — betrieblicher Einsatz ist nie „privater Haushalt“, unabhängig von der Unternehmensgröße.
  • Freelancer / Solo-Selbständige — berufliche Nutzung eines Einzelunternehmers ist professionell, nicht privat.
  • Betreiber — wer ein KI-System im Auftrag oder im Rahmen einer Dienstleistung einsetzt, fällt nicht unter die Ausnahme.
  • Verboten bleibt verboten — Emotion-Erkennung am Arbeitsplatz und Social Scoring (Art. 5) sind auch für private Anwendungen untersagt.

Praxis-Wirkung: Ein privater Hobby-Fotograf, der KI-Bildgeneratoren für das eigene Familienalbum nutzt, fällt unter die Ausnahme. Sobald er die Bilder auf seiner kommerziellen Freelancer-Website veröffentlicht, gilt die Ausnahme nicht mehr. Schwester-Ratgeber: KI-Schulung kostenlos vs. DSB-Nachweis.

Ein-Satz-Test

„Nutze ich das KI-System ausschließlich privat, ohne jeden beruflichen oder geschäftlichen Bezug?“ Ein klares „Ja“ = Ausnahme möglich. Ein „Vielleicht“ oder „Nein“ = die AI-Act-Pflichten greifen voll.

Nachweis statt Angst.

Haeufige Fragen zum Digital Omnibus

Ja, Art. 4 gilt unveraendert seit dem 02.02.2025. Der Digital Omnibus plant eine Abschwachung, ist aber noch kein geltendes Recht (Stand: Juni 2026).

Er schwacht Art. 4 ab, streicht ihn aber nicht: Aus der ergebnisbezogenen Pflicht wird eine weichere Pflicht zur „Unterstuetzung der KI-Kompetenz“. Hochrisiko-Betreiber bleiben kompetenzpflichtig (Recital 5). Noch nicht in Kraft.

Nein. Kanzleien wie Bird & Bird, Gibson Dunn und Covington empfehlen: nicht warten. DSGVO, Haftung und Antidiskriminierungsrecht bleiben schaerfer als Art. 4.

Vorlaeufige Einigung: 07.05.2026. Noch ausstehend: Formelle Annahme + Amtsblatt-Veroeffentlichung. Bis zur Veroeffentlichung gilt Art. 4 unveraendert.

Offizielle Quellen und weiterführende Informationen

Die hier beschriebenen Regelungen beruhen auf der KI-Verordnung (EU) 2024/1689 und der nationalen Umsetzung in Deutschland. Verbindliche Rechtstexte und behördliche Informationen finden Sie bei den zuständigen Stellen:

Hinweis: Der nationale Rechtstext zum KI-MIG lag zum Redaktionsschluss als Kabinettsbeschluss vom 11.02.2026 vor und war noch nicht durch Bundestag und Bundesrat verabschiedet. Maßgeblich ist der amtliche Wortlaut nach Verkündung im Bundesgesetzblatt.